Was so ein Körper alles kann. In alle Richtungen kann er wachsen. Wölbungen produzieren Kurven Ecken verborgene Täler geliebte Grübchen Haare Warzen zarte Fältchen. Fest und weich kann er sich geben. Glatt und rauh. Kann sich bewegen und bewegen lassen. Kann fliegen inundauswendig. Kann Wellen machen die Erde umpflügen und kann wie ein gestrandeter Wal angewiesen sein auf deine Hände und Füße. Kann Schweiß perlen lassen wie Tau. Kann sich rühren wenn du ihn berührst. Kann wen wärmen die erfriert. Ist dein Zuhause und meine Zuflucht. In ihm wohnt der Vogel Herz. Flatternd und schlagend. Er ist der Dom für das Lied aus deiner Kehle
Und dann geht nochmal Weihnachten auf über dir. Haltbar und frisch. Grün. Und warm und süß und golden. Ein Platz zum Einhaken. Wo sich löst was verknotet und eng war. In Liebe. Mutig. Sicher. Wo du neu beginnen kannst. Mit allem was bleibt und geht. Wo du Barmherzigkeit üben kannst und immerimmerimmerwieder die Dinge von allen Seiten so spannend so erhellend so schön zu sehen. Wo Hoffnung sprießt und wo alle Wege hinführen. Wo du auf die Knie fällst dankbar gerettet wenn auch bestimmt nicht nie wieder ohne Not. Aber mit der Wärme eines vertrauten Feuers im Rücken und am Himmel Sternschnuppenströme die du nicht siehst.
Den Weg voraus die Straße unter den Füßen schon mal ein bisschen gen Süden wenn auch ohne große Temperaturrelevanz. Italien ist weit. Es bleibt frostig Schneewehen wabern. Der Wald ist weiß. Und es hängt noch ganz schön was im Himmel. Vielleicht schlingert der Asphalt. Weil da niemand vor dir her geht der aus dem Weg räumt was dich straucheln lässt. Mach langsam. Pass auf dich auf. Und behalte im Herzen wo du hin willst. Den roten Faden im Blick und dein Gepäck geschnürt. So lang es eben braucht. Und dann schau. Und über allem die Sonne gleißend verheißend hell und im Grunde warm.
Und dann fragst du dich müde und etwas leer am zweiten Tag des Jahres unter einem stahlblauen Abendhimmel der sich in mittelalterlicher Lasurtechnik fein geschichtet und wie von innen her leuchtend blau so blau mit dem perfekten Übergang der Farbtöne was wohl passiert wäre wenn du da oder dort anders abgebogen wärst. Wenn du da deinem Sehnen gefolgt wärst oder dich dort getraut hättest zu tun was du tun wolltest zu sagen was du nicht gesagt hast zu gehen wo du geblieben bist es gewagt hättest deinen Schmerz zu zeigen deine Liebe deine Wut deine Schönheit und dein Nein. Wenn du mehr Vertrauen hättest haben können gesehen zu sein richtig so wie du bist. Wenn du die Kontrolle fahren und dich nicht beschämen hättest lassen. Wer wärest du dann heute? Und wo? Vielleicht wäre weniger zerbrochen was du mit Mühe wieder hast einsammeln müssen und neu zusammenzusetzen. Und warten was heil wird und neu. Vielleicht wären in deiner Resonanz dann weniger widersprüchliche Töne. Heute. Vielleicht wärst du unversehrter. Aber eben auch ärmer um die Erfahrung wie kostbar und schön Bruchstücke sind und das Glück sie wieder zu finden wo sie unter den Teppich gekehrt waren hervor zu holen mutig zuversichtlich erwachsen. Entwachsen dem Anspruch eines alten Entwederoder. Auf die Ahnung hin zu einem zarten goldenen glockenschlagklaren mächtigen rettenden Sowohlalsauch.
Nun steht sie vor dir. Deine Schüssel voll mit neuem Jahr. Das hast du dir nicht selbst eingebrockt. Das gab es geschenkt. Ungefragt. Höchstwahrscheinlich nicht für umsonst. Aber das wird sich zeigen. Was es dich kosten wird. Und kosten lassen. Auf jeden Fall ist es aufgetan von einer die es immer gut mit dir meint an der Ausgabe. Eine große Portion. 365 Tage schwer. Noch ganz heiß. Ganz frisch. Der erste Aufguss. Definitiv. Eigentlich willst du sie erst mal ein bisschen stehen lassen. Nach der kurzen Nacht und allem was das letzte Jahr dir noch eben eingeschenkt hat ist es noch ein bisschen flau im Magen. Aber alles nach und nach. Muss ja nicht alles auf einmal sein. Erst mal die gute Brühe. Die Ursuppe des Jahres. Die ist schon mal nicht schlecht. Sie wärmt und belastet nicht. Viele gute Dinge sind in ihr gelöst. Auf die du vertrauen kannst. Die Essenz all dessen was schon war. Verlässlich und stabil. Und dann findet sich auch gleich auf dem Löffel neben einem köstlichen Taubenmagen und einer Erbse die vierte Kantate des Weihnachtsoratoriums. Mit der so tröstlich vertonten Frage aller Fragen auf die es ja dann auch gleich die Antwort gibt. Prompt und geechot vom Doppelsopran. „Sollt ich nun das Sterben scheuen? Nein. Dein süßes Wort ist da. Oder mich viel mehr erfreuen? Ja. Du Heiland sprichst selbst ja.“ Na dann. Dann mal ran an den Löffel und schauen schmecken und sehen wie freundlich der ist der dies spricht. Hab Vertrauen. Die Frau an der Suppenausgabe ist seine Angestellte.
Und jetzt komm. Erheb dein Glas was auch immer drin sein mag. Ich hoffe es ist nichts was dir zu bitter ist und trink mit mir. Auf die Liebe. Auf die einzige auf die zu trinken an die zu glauben auf die zu hoffen es lohnt. Weil sie da ist. Und war. Immer. Auch wenn du es nicht geglaub hast. Auch wenn du es nicht gespürt hast. Sie war da. Gesehen hast dus doch. Weil sie bei dir wohnt und dir aus den Augen springt. So schön. Und in meine. Weil sie deine Zuversicht ist und mein Heil. Weil sie der einzige Grund ist warum mein Herz noch schlägt. Weil kaum jemand wie sie so verschieden und vielgestaltig gewaltig groß und unglaublich winzig zauberhaft und sprachlos machend sein kann. Weil niemand wie sie dir die Sprache schenkt nach der deine Worte Ewigkeiten gesucht haben. Weil sie alles umkehren und ausrichten kann. Weil sie ganz alt ist und immerneu. Weil du dich nach niemandem so sehnst wie nach ihr. Weil sie dir Hohe Lieder schenkt. Denn sie meint dich selbst und andere. Ohne Unterschied. Weil sie dich reich macht auch wenn du verzichtest. Weil sie dir Fragen aufgibt die du dir ohne sie nicht gestellt hättest. Weil sie dich Widersprüche ertragen lässt. Weil sie dich Wege gehen lässt. Zu mir. Und mich. Zu dir. Weil sie verzeiht und vergibt und nachsieht und vergisst wo wir es nicht können. Weil sie uns alle entwaffnet. Antreibt und beschützt vor Vergeblichkeit. Immer wieder und wieder. Weil sie nicht in unserer Hand liegt, aber uns die Hände füllt. Weil sie uns frei macht. Für das was kommt. Und weil sie die einzige ist die uns rettet.
„Und als wir ans Ufer kamen und saßen noch lang im Kahn da kam es dass wir den Himmel am schönsten im Wasser sahn.“ Singt es in mir mit Biermanns Worten zur geschrammelten Gitarre immer ein bisschen am Rhythmus vorbei mit Absicht wie er das so macht. Und das weil sich hinterrücks in meiner Brille die Lichter vom Weihnachtsbaum spiegeln als ein Sternenmeer. Und auch gleich schon wieder weg und fast nicht wieder zu beschaffen nach einer kleinen Drehung des Kopfes. Was bleibt ist der Gedanke den der alte Haudegen schon damals so schön besungen hat. Und der nie wieder weggehen wird seit in meinen Neunzigern die New Kids On The Block von Liedermachern abgelöst wurden die ab da mein Leben besoundtracken. Erst vom alten Kinderzimmerplattenspieler aus der elterlichen Sammlung unter den Nagel gerissen mit den ganz individuellen Kratzern die die Nadel an der immergleichen Stelle springen oder auch hängen ließen. Dann von Mixtapes die wir uns gegenseitig machten im Doppelkassendeck. Später mit meiner ersten Kompaktanlage auf den ersten CDs. So viel Kraft. So viel Schönheit. So viel Wahrheit. So viel Wut die da unter meiner von allen Gästen signierten Zimmertür durch in die Küche quoll. Zu beispielsweise violetten Kerzen auf bekleckerten Flaschenhälsen. Mit der Ahnung großer Erkenntnisse im Herzen. Mit Wahrhaftigkeit und weh. Und Ideen vom Leben und wie es besser geht mit der Welt. All ihr Gerhards Wolfs Bettinas Joans Hermans. Bis heute an jeder Ecke ein Zitat. Manchmal nervt das auch was da alles im Kopf steckt. Aber recht hast du wackerer Barde den sie Zuhause rausgeschmissen haben und dem dann so viele gefolgt sind. Die große Kulturausblutung der DDR. Schön blöd die Bonzen. Haben sich tief ins eigene Fleisch geschnitten. So viel Schmerz. So viel Verlust von Heimat. Aber vielleicht braucht es das um sowas so singen zu können. Denn recht hat du auch heute das erkennt meine Seele. So vieles offenbart sein wahres Wesen erst in seinem heimlichen Abbild. Transportiert sich gespiegelt konzentriert auf einen Ausschnitt wiedergegeben als Fragment besser als im Ganzen. Licht in deinem Blick gefangen. Himmel in einer Tasse Tee. Weihnachten in einer Liedstrophe. Gott in einer Umarmung. Oder ein ganzer Titel in der sich ewig wiederholenden Sekunde einer Kratzerstelle auf der LP.
Die Sterne sind nicht in Stein gemeißelt nur oben am Himmel. Manchmal fällt einer runter. Nicht nur sein Glanz. Das ganze Gestirn. Vor Sehnsucht nach warmem Berührtsein vielleicht. Nach Erdenschwere. Anziehung. Nach der ganzen Fliehkraft da oben. Und sieheda da gibt es schon eine Geschichte dazu. Bilder. In der Tiefe. Ein Bilderbuch. Irgendein Westbesuch hats mitgebracht. Ich konnte es auswendig. Lesefähig mit kurz vor fünf. „Am Waldesrand auf einem Berg wohnt Mümmelmann der kleine Zwerg. Durchs Fernrohr sieht sich Mümmelmann genau den Sternenhimmel an. Und gerade ist im hohen Bogen ein heller Stern herabgeflogen.“ Und siehe dies geschah aber so. Ein Engel hatte mit Schaum und Bürste Sterne blank geputzt und dabei und das ist das Risiko aller Carearbeit vielleicht sogar mit einer Flanke in Richtung Jugendschutz einen Stern im hohen Bogen herabsegeln lassen. Was nun. Der Engel geht verstört zu Boden. Old white Zwerg Mümmelmann gibt alles den Ausbüchser wiederzufinden. Am Ende wird alles gut. Der Stern wird wieder aufgehängt und es kann Weihnachte werden. Hummelillustriert. Nabitte. Wie hab ich dieses Buch geliebt. Da geht was kaputt und wird wieder heil. Wieder hell. Weil kooperiert wird. Die Bilder waren zum Drinverschwinden. Die Reime sogleich fest verankert im Subcortex bis heute wie sich zeigt. Und nun liegt dieser Stern im Dom. Und zieht den Blick zum Friedenslicht von Bethlehem. Das sehr irdische Wege gegangen ist bis hierher. Ach wenn doch so einfach heil würde was kaputt ist gefunden was verloren ein glückliches Ende finden was schlimm aussah. Egal was kommt. Es muss wohl ein Stern fallen damit dies geschieht.
Wo man Brot bäckt lass dich ruhig nieder. Böse Menschen kennen weder Brot noch Lieder. Brot. Aus Korn und Wasser. Und dem Sauerteig der bei dir wohnt. Treu und verbindlich. Schweigsam aufnimmt was dein eigen ist und das was die die kommen und gehen hinterlassen im Kühlschrank. Dazu Salz und Kümmel Koriander Kardamom Fenchel Schabziegerklee. Und Zeit. Und Brotbackkästen von Reinhard mit steilen Wänden wo das Brot so gut wird wie sonst nie. Und die Verbindung zu Knappigs großen Jahren. Mit Baumkuchen und Petit Four. Welch eine Ehre in deinen Formen backen zu dürfen. Welch ein Geschenk Brot zu verschenken. Für eines allein heize den Ofen nicht. Back alles was hineingeht ins Rohr. Und so erfüllt sich was gesagt ist schon im Entstehen: Brot will geteilt werden.
Meine Freundin du bist schön. Blickst mir von überall entgegen. Bist nicht zu übersehen. Mannigfach. Erinnerst mich an dich. An mich. An mein Woher. Subversiv weiblich flüstert deine Gegenwart mir zu. Du Ort der Lebendigen Sehnsucht und Erfüllung. Du wandelbares Wunderwesen. Himmelsauge Erdenschoß. Zart und mächtig. Viel zu unbesungen. Aus dir kommt das Leben. Blut und Wasser. Du Ausgang und Eingang. Du Mitte der Dinge. Oft beschämt. Verletzt. Verstümmelt. Verschrien Verleugnet. Unterdrückt schon in der Sprache. Dein Sinn ist nicht ein Futteral zu sein für eine Klinge. Kannst du dich doch ganz ohne Not und ohne jemands Zugetue erheben. Ganz frei. Sei meine Freundin. Du bist schön.